Rezensionen

Virtuelle Welt in Ekstase  - Prof. Dr. Klaus Kocks

Wenn ein Insider ins Erzählen gerät, sollte man zuhören. Die Romane von Markus A. Will wissen, wovon sie reden; der Autor plaudert aus der Schule. Ungewöhnlich genug neigt er aber dazu, zunächst die Pointen zu verraten, um dann ins Volumen einer Erzählung einzusteigen. Er kann sich das erlauben, weil er keine schmalen Witze zu drechseln gedenkt, sondern mit einer Fülle an Material zu kämpfen hat. Will schildert eine Welt, die uns fern ist und doch nah. Das gilt in besonderer Weise für sein neues Werk um eine böse Bankerin. 

Markus A. Will hat einen grotesken Kriminalroman über eine übergeschnappte, ausgebuffte Elite junger Geldjongleure geschrieben, die Gier und Macht mit raffinierten Methoden auf die Spitze treiben. Ihr Wortschatz kreist um Derivate, Bitcoins oder Data-Clouds. Diese Supertrickser finden Geldwäsche im Darknet superspannend. Wie der Autor feststellt: „Ein Leben zwischen Bumsfrequenzen, Bonushöhen und Börsenaufschlägen, getürkten Liborzinssätzen, falschen Liebesschwüren und ganzen Lebenslügen“. Eros und Macht, ein altes Thema mit frappierenden Gedanken aufgeladen – und wie! Das ist nicht der Kern des Romans, aber wie das Leben so spielt, fransen die Ränder einer scheinbar sittsamen Bürgerlichkeit schnell aus. Der Autor franst genüsslich die Figuren seines Romans. 

Die Groteske ist eine anspruchsvolle Stilform, weil sie den Wandel mit Entfremdung konfrontiert, eben nicht mit einer Satire, die mit einem lustigen Gedanken zum Nachdenken anregt. Die Groteske zielt auf tiefer sitzende Grenzüberschreitungen. Der Autor arbeitet sich daran mit virtuosen Sprachbildern ab. Er beherrscht die Süffisanz, den feinen Humor mit derbem Hintergrund und kapriziösen Einfällen. Der Clou aber ist: Diesen Roman konnte Markus A. Will nur deshalb schreiben, weil er die Finanzszene durchschaut und ihre Mechanismen präzise kennt. Die beschriebenen Details über Geldgeschäfte und Dialoge über Methoden und Ziele führen in die Tiefe einer Finanzwelt, die Angst und Bange machen. 

Genau darin wirkt die Raffinesse der Groteske. Sie holt uns immer wieder ein. Die Wirklichkeit draufgängerischer Finanzjongleure kennen wir nicht erst seit der dramatischen Lehman-Brothers-Pleite im Jahre 2008. Wer erinnert sich noch an den Derivatenhändler Nicholas Leeson, der vor 26 Jahren mit eigenmächtigen Spekulationen die Barings Bank, die älteste Investmentbank Großbritanniens, in den Ruin trieb! Bis heute wähnen sich die Goldjungs im Rausch ihrer Sinne. Scheitern ist nicht vorgesehen. Wie eine Monstranz tragen sie jetzt die verwegenen Chancen einer digitalen smarten Währung ohne Kontrollinstanzen vor sich her. Der Schlachtruf nach dem Maximalen übertönt jede Einsicht, dass sich das Rad schneller und schneller überdrehen könnte. Der Sinn liegt nicht darin, für Kunden Nutzen zu stiften, sondern dem eigenen Heilsversprechen mit satten Gewinnen auf dem eigenen Konto gerecht zu werden. Ein Kompendium der Unmoral. 

Dieser Entwicklung stellt der Autor einen Banker der alten Schule gegenüber, der noch an richtiges Bargeld und an eine Zentralbank glaubt, die für Ordnung und Transparenz auf den Finanzmärkten sorgt – nämlich den pensionierten Schweizer Banker Dr. Carl Emile Etienne Bensien, gediegen, seriös und wohlhabend, und weil es in diesem Roman auch um viel Liebe in fremden Betten geht: Er ist dabei. Wohin nur mit dem schlechten Gewissen, wenn die Liebe ruft! Er ist mit der Verlegerin Carla Bell verheiratet, ebenfalls ein Fall für eheliche Treulosigkeit. Ihr Blatt, der „CityView“ in London, kommt einer gewieften Schmutzigkeit auf die Spur.

 

Ihr Leben ist purer Stress, zumal ihre Redaktionsmanagerin Diana Lundgren ausfällt. Sie schnitt sich in der Badewanne die Pulsadern auf. „Aber nur soviel beziehungsweise so wenig, dass sie im Grunde von der Haushälterin gefunden werden musste. Das wäre allerdings fast schiefgegangen, weil die gute Fee ausgerechnet an diesem Morgen in der U-Bahn steckengeblieben und eine halbe Stunde später als normal gekommen war.“ Hingebungsvoll erzählt der Autor solche Episoden. Was Dr. Bensien betrifft: Er stirbt beim Skilaufen durch eine Lawine. Dem Buch hätte es gut getan, ihn am Leben zu lassen. Denn eine Figur, die über den Dingen steht (sieht man für einen Moment von seinen Amor-Eskapaden ab), während darunter das große Beben komplexer Beziehungen und gieriger Finanzmanöver herrscht, sorgt mitunter für eine wohltuende Balance, um sich dem Zeitgeist entgegenzustellen. 

Der Autor übersetzt das Böse einer unerschrocken wilden Finanzgarde ins Fantastische, ins Science-Fictionhafte, eine unglaubliche Welt, die wir nicht zu denken wagen, obwohl wir doch täglich den Wahnsinn einer sich beschleunigten Welt durch Künstliche Intelligenz und des Internets konkret erleben. Dahinter verbirgt sich schon längst keine Revolution mehr, weil der technische Fortschritt so schnell verläuft, dass eine neue Erkenntnis im Moment ihrer Wahrhaftigkeit schon wieder überholt ist. Wir kommen mit unserem Denken nicht mehr nach. Die Finanzakrobaten sind diesem Staunen längst entwachsen. Sie haben schnell geahnt, was sich mit dieser neuen Welt anstellen lässt. 

Der Protagonist der Dark Bankerin ist Frederik „Fred“ Mullen, ein mit Berufsverbot verurteilter Ex-Investmentbanker in London. Weil er aber die Finger nicht von schmutzigen Geschäften lassen kann, sich aber selbst nicht mehr schmutzig machen will, entwickelt er mit fremder Hilfe eben eine Dark Bankerin – einen Roboter namens Iris Hobot. Sie denkt logisch, sieht aus wie eine Instagram-Schönheit oder ein Model aus der Vogue. Andere Menschen halten sie für einen Menschen, obwohl sie beim Kopfdrehen eine ungewöhnliche Beweglichkeit zeigt und eine Frau sagt ihr nach einem Sturz: „Du bist gefallen, als wärest Du wie aus Gummi“. Für Fred ist sie überdies eine gefällige und überaus taugliche „Hochleistungsfickmaschine“. Nichts Menschliches ist ihr fremd, und damit perfektioniert der Autor die Illusion einer Welt, dass der Mensch im Wettbewerb mit einem Roboter steht. Er versetzt die virtuelle Welt in Ekstase. 

Fred gründet für seine Dark Bankerin die Tarnfirma abc.tec. Iris wurde immer schlauer, gewandter, sicherer. Sie beherrscht alle Finanztricks, managt die Firma, präsentiert und führt Verhandlungen. Und sie lernt Fred immer besser kennen: als „ein dreckig fickendes Arschloch“. Ihre Aufgabe besteht genau darin, schmutziges, mafiöses Geld aus den Untiefen des Darknets mit digitalem Geld sauber zu waschen, also einen „Waschsalon“ für Kriminelle aufzumachen, in dem alle bösen Spuren gründlich verwischt werden. Iris aber will sich selbst reinwaschen und nichts mit den verbotenen Machenschaften zu tun haben. Mehr noch, sie will Fred in den Knast bringen. Dazu kommt es aber nicht mehr, weil er in der herrschaftlichen Villa von Don Carlo Martini am malerischen Lago di Como vom Butler ermordet wird. Dieser Don, Pate von Mailand, katholisch und gerissen, vertraut Iris sein schmutziges Geld an, um es sauber zu waschen. Der Autor geht in die Tiefen der gesellschaftlichen Fassade, legt sie frei, um zu zeigen, was von einem Menschen übrigbleibt, wenn er alles verwirkt hat, den Anschein, ehrwürdig und erhaben zu sein: der Tod. Er tötet sich in seinem 71. Lebensjahr selbst und seine Muse sofort mit. 

Ohnehin wird in diesem Roman viel gemordet, und das wiederum mit bizarrer Hingabe. So stößt die Bankenexpertin Dr. Ellen Klausen ihren CIA-Agentenführer mit ihrem scharf gefeilten 12-Zentimeter-Absatz ins Herz und in den Gaumen. Dafür revanchiert sich vermutlich die CIA mit einer ebenfalls abstrusen Methode. Die Dame hing in der Heiligen Nacht auf dem kleinen Friedhof hinter der Dorfkirche im traumhaft verschneiten Zermatt erstochen an ein Kreuz genagelt. Auf dieses österliche Ambiente in der friedlichen Weihnachtszeit muss man erst einmal kommen. Man fragt sich natürlich, warum der Autor auch diese Bankerin in den Roman einfließen lässt: Weil er den Absturz der gediegenen Bankwelt im Kontrast zu den „digitalen Nomaden“ am Beispiel der Deutschen Bank aufzeigen will – ein Geldhaus, das noch vor 30 Jahren mit Investmentbanking in die Weltspitze dringen wollte, aber immer mehr an Wert einbüßte, schrumpfte, kleiner wurde, zerrissen zwischen immer neuen Strategien und sogar – wie man heute weiss: nur zwischenzeitlich – von einem „Zwerg“, dem ehemaligen „Pornoseitenzahlungsabwickler“ Wirecard, überholt wurde. Der Seitenblick auf solche Entwicklungen schmälert nicht den Hauptstrang der Erzählung. Er vertieft ihn vielmehr, weil das Handeln einer gerissenen Elite im digitalen Darknet die Banken wie aus einer vergangenen Welt aussehen lässt. 

Der Autor verzahnt die Fiktion seines Romans mit zeitgeschichtlichen, wahren Gegebenheiten. So taucht der Leser noch einmal ein in Griechenlandkrise, Italienkrise, Brexit, G20-Gipfel in Buenos Aires, den Absturz der Bitcoins, den Rückzug von Angela Merkel als CDU-Vorsitzende. Damit ermöglicht er immer wieder Andockmöglichkeiten an das, was war und schnell vergessen wird, obwohl es sich um fundamentale Entwicklungen gehandelt hat. Um diese Verzahnungen erzählerisch aufzufangen, stellt der Autor etwa neben dem griechischen Finanzminister, dem „flamboyanten“ Yanis Varoufakis, seine Romanfigur Dr. Konstantin Diospolos. Der Grieche arbeitet für die Europäischen Zentralbank in Frankfurt. Man ahnt, was kommt. Er besucht ein griechisches Restaurant und der Besitzer rammt ihm in unbändiger Wut über die Euro-Politik gegen sein Land ein scharfes Fleischermesser in die Brust. Er überlebt aber und die Leser dürfen sich an seiner Rolle als „preußischer Grieche“ weiter erfreuen. 

Im Nachwort schreibt Markus A. Will, dass eine Lektorin sein Buch nicht verlegen wollte, „weil die Genrezuordnung doch etwas aus dem Rahmen fällt“. Sie befürchtete wohl, dass sich das Buch nicht eindeutig als Krimi positionieren lasse. Aber was heißt das eigentlich? Schauen wir genauer hin: Noch in den 70er und 80er Jahren erzählten die Germanistikprofessoren ihren Studenten, dass ein Krimi kein Roman sei. Dann versteifte sich die Literaturwissenschaft auf die These, dass der Krimi zwar ein Roman sei, aber keine Kunst. Heute ist jeder gute Kriminalroman auch ein Gesellschaftsroman, der Ängste, Hoffnungen, Glück und Sehnsüchte der Menschen abbildet und beschreibt. Was wir für irreal halten, vertieft der Autor ins Surrealistische. Darin liegt das Geheimnis, das der Leser in seinem Erfahrungsspektrum deutet. Der Autor fordert geradezu auf, die Wirklichkeit immer wieder neu zu übersetzen. Genau deshalb hat er einen denkwürdigen Gesellschaftsroman als Kriminalroman geschrieben.